Manche Bilder entstehen auf ekstatische Weise, wild und in Windeseile. Dieses Bild jedoch war das Gegenteil. Die Herbstfrau hat sich Zeit genommen. Genau gesagt: drei Herbste lang. Hier erzähle ich Dir, wie sie entstanden ist, was sie mir bedeutet und warum ich sie jetzt gehen lasse.
Nach Monaten in Schwarz-Weiß:
Lust auf Herbstfarben
Es war vor zwei Jahren, im Herbst. Ich hatte monatelang an meinem Ausmalbuch gearbeitet, immerzu in Schwarz-Weiß. Als der Herbst kam, leuchteten draußen all die Farben. Bunte Blätter flogen an meinem Atelierfenster vorbei, und ich bekam so eine Lust auf Farben, dass ich mir einen Ausflug zu meinem Farbenregal gönnte.
Ich hatte keine Bildidee. Nichts. Nur das Bedürfnis nach Farben. In meinem Atelier stand schon seit mehreren Jahren ein Gesso-Board. Das ist ein flacher Kasten aus Holz, fünf Zentimeter tief und mit Gesso grundiert. Es war genau das, was ich in diesem Moment suchte. Ich schnappte es mir und fing einfach an.
Intuitiv malen mit Acryltusche und Aquarellbuntstiften
Ich ließ verschiedene Acryltuschen auf das Board tropfen und ineinanderlaufen. In den noch nassen Untergrund zog ich mit Aquarellbuntstiften Linien. Dann trug ich weitere Tuschen und Farben auf, ließ sie ineinanderfließen, vermischte sie direkt auf dem Bild mit einem Holzstäbchen. Zuerst war es nur ein Spiel mit herbstlichen Farben.
Es war eine Zeit, in der ich einige Herausforderungen zu bewältigen hatte. Dieses Bild wurde zu meiner kleinen Insel. Jeden Abend ging ich für eine halbe oder ganze Stunde ganz bewusst dafür ins Atelier und sagte mir: „Jetzt ist Farbenzeit.” Das war Zeit nur für mich. Ich fand dort Farben und auch eine Zuflucht.
Wie langsam ein Gesicht erscheint
Bestimmt ein oder zwei Wochen dauerte es, bis sich das Gesicht zeigte. Es kam nur sehr langsam hervor, Schicht für Schicht, ohne dass ich es geplant hatte. Es war, als würde die Herbstfrau aus dem Nebel auf mich zukommen und langsam immer sichtbarer werden. Das war ein magischer Moment, den ich nie vergessen werde.
Blatt für Blatt: Details, die Zeit brauchten
Der Kopf der Herbstfrau war mit bunten Blättern verziert – viele einzelne, in unterschiedlichen Farbtönen, jedes sehr detailreich gezeichnet. Hierfür verwendete ich auch Acrylstifte, um wirklich fein arbeiten zu können. Das brauchte Zeit. Und ich genoss dieses stille Arbeiten und das langsame Vorankommen. Ich malte nicht, um fertig zu werden, sondern um anzukommen, aufzutanken, zur Ruhe zu kommen. Schließlich war der Herbst jedoch zu Ende, und es waren andere Dinge dran. Ich malte nicht weiter.
Ein Jahr Pause: Wenn ein Bild wartet
Im nächsten Herbst saß ich wieder vor dem Bild. Ich malte ein oder zwei Blätter, spürte aber, dass ich es gerade gar nicht weitermalen wollte. Ich wollte es einfach betrachten und genießen. Also saß ich immer wieder vor dem Bild und tauchte darin ein.
Das kleine Menschlein unter dem Eichenblatt
Das Wichtigste, nachdem die Frau erschienen war, war das kleine Menschlein. Es sitzt auf ihrer Schulter, kurz unter dem Kinn, deckt sich mit einem Eichenblatt zu und lehnt sich an sie an. Es fühlt sich geborgen.
Dieser kleine Mensch drückt wunderbar aus, was ich beim Malen gefühlt habe: Geborgenheit, Zuflucht, Trost, Ruhe, Rast.
Unterhalb des Halses der Herbstfrau rankt sich eine Kürbispflanze entlang, an der Hokkaido-Kürbisse hängen (hier sind sie noch nicht zu sehen), ein Symbol für Fülle und Ernte.
Ein zarter Hauch: Der Segen der Herbstfrau
Vor drei, vier Wochen, als der Herbst wieder begann, hatte ich Lust, mich der Herbstfrau erneut zuzuwenden. Ich habe die letzten Blätter genussvoll fertiggezeichnet. Und ich habe den Segen gemalt: weiße Pünktchen rings um den kleinen Menschen.
Das war eine schöne Überraschung. Der süße Segen strömt aus dem Mund der Herbstfrau. Sie hat die Lippen nur einen winzigen Spalt geöffnet und haucht ihn sanft auf den Menschen herab. Mit einem sehr liebevollen Blick.
Was die Herbstfrau erzählt: Trost, Loslassen und Vergebung
Das Bild erzählt von Trost, von Ruhe und von Geborgenheit. Es erzählt vom Loslassen. Vom Loslassen dessen, was schmerzt, und von Dingen, die wir noch nicht vergeben haben. Es ist auch ein Bild der Vergebung.
Die Herbstfrau ist durchscheinend gemalt, der Hintergrund schimmert durch sie hindurch. Das macht das Bild so verträumt, tröstend und liebevoll. Die Herbstfrau ist geduldig. Sie hat es nicht eilig. Sie ist da für alle, die sich nach innerer Einkehr sehnen.
Was ich beim Malen gelernt habe: Dinge brauchen ihre Zeit
Dieses Bild hat es wieder einmal bewiesen: Die Dinge brauchen ihre Zeit.
Ein Bild nur im Herbst zu malen, in drei Herbsten, war ein ungewöhnliches und sehr berührendes Erlebnis. Zumal ich nicht einmal die Absicht hatte, ein fertiges Bild zu malen. Es ging mir zu Beginn allein um die Begegnung mit den Farben.
Das Original: Herbstfrau, Mischtechnik auf Gesso-Board
Jetzt ist die Herbstfrau fertig, und ich möchte sie in ein neues Zuhause entlassen.
- Titel: Herbstfrau
- Technik: Mischtechnik (Acrylfarben und -tusche, Aquarellbuntstifte, Acrylstifte) auf Gesso-Board
- Größe: 30 × 50 cm, 5 cm tief
- Signiert, ungerahmt, direkt aufhängbar
Ich stelle sie mir bei Menschen vor, die vielleicht etwas Trost suchen, Ruhe oder einen Ort zum Ausruhen. Bei Menschen, die die Herbstzeit und ihre verträumte, wohltuende Seite ebenso wie ich mögen.
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Möge die Herbstzeit Dich liebevoll umhüllen und mit ihren Farben nähren. ♥
Auf bald wieder,
Ulrike

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